Wild Card 2010
RUHR.2010

She She Pop & ihre Väter
Testament – Verspätete Vorbereitungen zum Generationswechsel nach Lear

Begründung der Jury:

Sagen wir es offen: Das Theater der Freien Szene ist immer noch eine besondere Herausforderung für uns Theatergänger. Klassische Stoffe von Shakespeare bis Schiller, in schönem Schauspiel vorgetragen, finden sich hier selten. Stattdessen werden allenthalben Gewohnheiten unterlaufen. Man kriegt präsentiert, was auf den Universitäten gerade der letzte Schrei ist: Performances zu neusten Sozialphilosophien, zu Geschlechterforschungen, zu Theatertheorien. Das alles ist nicht eben leicht verständlich. Nein, es verlangt, was in unserer beschleunigten Moderne vielleicht die größte Provokation bedeutet: Es verlangt Zeit; Zeit für Irritation und Zeit zum Nachdenken. Wer sich diese Zeit nimmt, wird belohnt. Er kann oft schon heute Ästhetiken entdecken, die morgen unsere Bühnenlandschaft prägen werden. Innovationsschübe für ein vitales modernes Theater – darauf lautet das Versprechen der Freien Szene.
Eindrucksvoll wird dieses Versprechen von She She Pop und ihren Vätern eingelöst. Ihr Generationendialog „Testament“ baute ebenso berührend wie analytisch klug und witzig eine Brücke zwischen Theatertraditionen. Im gemeinsamen Nachdenken über Shakespeares Altersdrama „König Lear“ führen uns die Väter und ihre Kinder nicht nur berückend intim auf existenzielle Fragen des Älterwerdens: auf Fragen nach familiärem Zusammenhalt, nach Pflege und Erbe. Die Akteure deuten den Dramenklassiker stets auch mit Blick auf ihre unterschiedlichen Erwartungen an die Bühne aus: Wie viel Privatheit vertragen die Bretter, die die Welt bedeuten? Oder: Warum sollte man auf ihnen etwa nackt erscheinen? Eindringlich und unironisch wie selten bei She She Pop werden diese Diskurse auf der Bühne inszeniert.
Doch bietet dieser Abend noch mehr: In seinen raffinierten Reflexionsschleifen ist „Testament“ vor allem: eine große Analyse unseres Zeitalters, der Epoche des „ökonomischen Menschen“. Sie hinterfragt, ob Fürsorge und soziale Bindungen noch als absolute, unverhandelbare Werte denkbar sind, oder wie viel von unserem alltäglichen Dasein längst einem wirtschaftlichen Kalkül unterworfen ist. Taugt die Familie als Schutzmantel gegen die Zumutungen der Arbeitswelt, oder ist sie doch selbst ein Zweckhaushalt, in dem unausgesprochen nach Zeit- und Geldbudgets gerechnet wird?
Mit bewundernswerter Klarheit lotet She She Pops „Testament“ diesen Konflikt zwischen traditioneller ethischer und neuerer wirtschaftspraktischer Vernunft aus. In einer Gegenwart, in der wir es aus politischen Debatten zunehmend gewohnt sind, den Wert von Menschen in Gewinnrechnungen zu bemessen, gibt dieser Theaterabend so eine dringliche globalgesellschaftliche Diagnose. Auch darin ragt er weit heraus inmitten unserer breiten Theaterlandschaft.
Die Jury des Theaterfestivals „Favoriten 2010“ gratuliert dem Performancekollektiv She She Pop und ihren Vätern zum Preis der „Wild Card“ von Ruhr2010.

Der Preis ist mit 10.000 Euro dotiert und verbunden mit dem Angebot eines Gastspiels oder einer Residenz in der Kulturhauptstadt 2010 Istanbul.


Förderpreis
NRW KULTURsekretariat

Samir Akika/Unusual Symptoms
Welle: Asphaltkultur

Begründung der Jury:

Wenn ich mal mit 89 Jahren sterbe – das ist das eine, aber was passiert jetzt, welche Fragen stellen sich, welche Möglichkeiten gibt es? Wie sieht er aus, der Lebensraum der Asphaltjugend, welche Spielräume gibt es zwischen Erdbeere und Kirsche, Goldfisch und MP3-Kopfhörer, zwischen Ruhm und Geld, Liebe und Tod? Wie diesen unsagbaren „War in me“, auskämpfen und austanzen, wie nicht ersticken im vorgeformten Regelwerk, geborgt wie vielleicht alles, was ich vorfinde, was mich vorfindet ? Wo ist sie, die lebenswichtige Luft, wo ist es, mein Ding, mein Leben? Meine Geschichte, wer verhandelt sie?
Im Dickicht solcher Überforderung und Überformung bewegt er sich, der asphaltierte Alltag der 18 Jugendlichen aus der Hip-Hop-Szene. Sie sehen mit genauen Blicken, Worten, Gesten, Moves, auf die Welt, aber werden sie auch gesehen? Samir Akika macht sie alle sichtbar, jeder einzelne dieser willensstarken, ganz eigenen Menschen auf der Bühne kommt wirklich vor, mit seiner Kraft und seiner Scheu, mit ihrem Witz und ihrer Wut. Im widersprüchlichen Zusammenklang von Rhythmen und Räumen, von Musik und Licht wird eine Theatersprache hörbar und sichtbar, in der jede Setzung eine von vielen ist, kraftvoll und doch vorläufig, und wo Bilder entstehen, um gleich übermalt zu werden. Das Theater eine ganze Welt, hier wird es zum Ereignis. Und bleibt eindrücklich in den Venen und Sehnen aller, die es miterlebt haben. Eine klare, eine radikale Sicht nicht auf die Szene, sondern aus der Szene. Mehr davon.

Der Förderpreis ist mit 7.500 Euro als Koproduktionsbeitrag für eine neue Produktion in Nordrhein-Westfalen dotiert.


Preis für die beste darstellerische Leistung
Verband Freie Darstellende Künste NRW e.V.

Sigal Zouk
Aus:
Laurent Chétouane
Tanzstück #4: leben wollen ( zusammen ).

Begründung der Jury:

Die Tänzerin Sigal Zouk versteht es in Tanzstück #4: leben wollen (zusammen) auf herausragende Weise, das utopische Bild einer zukünftigen Gemeinschaft zu verhandeln und den Zustand des Zusammenlebens neu zu reflektieren.
Zusammen mit vier Tänzerinnen und Tänzern macht sie sich auf, Formen des Miteinanders zu entwerfen, ohne dabei das Verhältnis jedes Einzelnen zum Ganzen aus dem Blick zu verlieren. Es gelingt ihr mit den Mitteln des individuellen tänzerischen Ausdrucks genau jene Fremdheit in der Nähe, Geborgenheit in der Gruppe oder Sehnsucht nach Alleinsein aufscheinen zu lassen, die weder modellhaft noch verbindlich sein will, sondern einfach anschaulich. Dabei geht es bei der poetischen Körperlichkeit der Tänzerin niemals um Abgrenzung, immer um einen neuen Beginn.
In Tanzstück #4 verzichtet Chétouane zum ersten Mal fast gänzlich auf Textualität und findet seine Inspiration in seinen Tänzern. Insbesondere in Sigal Zouk, für die dies bereits die sechste Arbeit mit dem erfolgreichen Regisseur ist. Sie ist es, die in klar abgezirkelten Bewegungen den Raum, die Situation, die Menschen, neu vermisst. Eine Vermessung der Gesellschaft vielleicht, präzise und humorvoll, die das Zusammensein als Möglichkeit: der Möglichkeit gemeinsamen Handelns sinnlich erscheinen lässt.
So ist die Leistung von Sigal Zouk schließlich auch exemplarisch für die große Bedeutung kollektiver Ensemblearbeit im freien Theater, in dem individuelle Stärken und gemeinsame Autorenschaft keinen Widerspruch darstellen, sondern einander grandios ergänzen.

Für die Zukunft würde sich die Fachjury wünschen, dass der Verband den Mut hat, den bisherigen Darstellerpreis zu erneuern und etwa als einen Preis für „Best Performance“ zu profilieren. Eine solche Auszeichnung würde der interdisziplinären Vielfältigkeit der freien Szene wesentlich mehr gerecht werden, deren Theaterkunst nicht nur von außergewöhnlichen Darstellern durchgesetzt wird, sondern gerade auch von Sounddesignern, Videojockeys, Installationskünstlern oder „Experten des Alltags“.

Über Sigal Zouk
Sigal Zouk lebt und arbeitet in Berlin. Sie wurde 1971 in einem Kibbuz bei Haifa geboren. Bevor sie 1997 nach Europa ging tanzte sie in Tel Aviv in der Batsheva Dance Company. Zunächst ist sie festes Mitglied in der Kompanie Sasha Waltz & Guests an der Berliner Schaubühne. Seit 2004 arbeitet sie neben Laurent Chétouane auch mit Meg Stuart/Damaged Goods und Philip Gehmacher.

Der Preis des Verbandes Freie Darstellende Künste NRW e.V für die beste darstellerische Leistung ist mit 1.000 Euro dotiert.


Preis der Jugendjury
FAVORITEN 2010

Samir Akika/Unusual Symptoms
Welle: Asphaltkultur

Begründung der Jugendjury – Lisa Jürgens (18), Sahar Rahimi (19), Malin Stute (18)

Nach langen Diskussionen, Uneinigkeiten zwischen uns dreien und einem vorläufigen Favoriten wurden wir dann von dem letzten Stück völlig überwältigt. Daher ist unser Favorit 2010 „Welle: Asphaltkultur“ von Samir Akika.
Das Thema war die individuelle Gestaltung des Lebens der Jugendlichen und ihre Sichtweise in Bezug auf ihre Zukunft. Dies hat uns sehr angesprochen und spiegelt den Zeitgeist unserer Generation in vielen Facetten wieder.
Es wurden von den Jugendlichen Fragen gestellt, die uns auch schon mal beschäftigt haben. Was ist wichtiger? Ruhm oder Geld? Wie will ich sterben?
Die Qualität der dargebotenen Leistungen war auf einem sehr hohen Niveau. Jeder für sich war ein Profi auf seinem Gebiet und blieb sich selbst treu. Alltägliches wie essen, trinken, rauchen und eine Graffitiwand auf der Bühne, die sich auf die Geschehnisse auf der Bühne bezog, zeigten wie die Jugendlichen ihr Stück weniger inszenieren als aus dem Leben gegriffen darstellen wollten.
Wir waren sehr gefesselt von den authentischen Geschichten der Jugendlichen, sie haben uns bewegt , weil sie überzeugend präsentiert wurden und man gemerkt hat, dass sie für ihre Leidenschaften wie z.B. Tanzen, Rappen, Beatboxen leben. Das zeigte sich auch dadurch, dass die Jugendlichen ihren Spaß, diese auf der Bühne zu performen, auch auf uns im Publikum übertragen konnten. Wir wurden von den Beats und den tänzerischen Leistungen mitgerissen.
Während des gesamten Festivals haben wir bei jedem Stück positive wie negative Aspekte mitgeschrieben. Bei „Welle: Asphaltkultur“ allerdings gab es eine Welle positiver eindrücke, die wir gar nicht alle mitschreiben konnten, weil wir keinen Moment verpassen wollten. Wir waren immer wieder aufs Neue überrascht und fasziniert von der Ideenvielfalt der Jugendlichen und der Umsetzung.

Der Preis der Jugendjury ist mit 500 Euro dotiert.


Auftrittsnetzwerk
NRW KULTURsekretariat

HELIOS Theater
Spiel der Kräfte

Ingo Toben
Unter der Haut

Begründung der Jury:

Wieder einmal entfaltet das HELIOS Theater eine bildreiche Welt voll präziser Poesie. Materie und Transzendenz, die Spur der Steine und der Wille zum Fli-Fla-Flug, die Tiefe der Klänge und die Höhe der Engel – in diesem Spektrum entwickelt sich ein leises, kluges, ein ebenso bildhaft düsteres wie visionär lichtes Spiel für Kinder und Erwachsene. Dass gutes Kindertheater auch immer bereicherndes Theater für alle ist, wird hier in seinen ganzen Möglichkeiten erfahrbar. Eine bemerkenswerte Arbeit, ebenso tiefgründig wie leichthändig.

Ingo Tobens Kunst verpflichtet sich dem Prinzip des elektronischen Musik-Tracks, wie er in der Clubkultur seit den 1990er Jahren zuhause ist. Offen und flächig fließen auf seiner Bühne live hergestellte Sounds und per Video eingespielte Interviews mit Jugendlichen ineinander. In den Texten stehen nicht die individuellen Biografien im Vordergrund, sondern das Gesamtarrangement. Alles ordnet sich dem unablässigen Sampling aus betont momenthaften Impressionen von Liebe, Verlassenheit oder Jugendgewalt unter. So arbeitet Ingo Toben an einem leisen, poetischen Installationstheater aus dem Geiste der Synthie-Kunst.

Um freie Produktionen nach der Premiere regelmäßig weiter aufführen zu können und sie im größeren Rahmen deutschlandweit und international touren zu lassen, erhalten Spielstätten, Veranstalter und Schulen – aus NRW sowie überregional – Zuschüsse für die Einladung der ausgewählten Ensembles.

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